SABINE PEUCKERT

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Juliane Adler

zur Ausstellung Erlebte Räume im Schlossmuseum Arnstadt 2001

Eine Einladung ist gekommen aus Thüringen, aus Arnstadt, hier ist Sabine Peuckert in die Oberschule gegangen, und unweit von hier, in Ellichleben hat sie ihre Kindheit verbracht. Mit Freude ist sie dieser Einladung gefolgt.

Als sie mich fragte, ob ich sie hierher begleiten möchte, musste ich sofort an den kleinen Text denken, den die in Berlin geborene Malerin Brigitte Handschick 1992 für Sabine geschrieben hat. Anlass war eine Ausstellung in Galerie Mitte, mit damals neuesten Arbeiten aus dem Berliner Scheunenviertel. Der Text schließt mit zwei Sätzen, die mir hier genau an den Anfang zu passen scheinen.
Es heißt dort: "Sabine Peuckert, eine Bauerntochter aus Thüringen, ist gekommen und hat es geschafft mit einer in ihr steckenden Kraft und Begabung mir meine Heimatstadt mit ihren Augen ganz neu zu entdecken. Das ist das Wunderbare an dieser Stadt. Alle kommen her und bringen etwas mit."

Ja, wenn das so ist, was ist es dann, was Sabine Peuckert nach Berlin mitgebracht hat?
Und wenn es so ist, dass die Landschaften und Orte unserer Herkunft mit ihren visuellen Eindrücken unsere Wahrnehmung wesentlich mit prägen, dann kann es aus heutiger Sicht kaum ein Zufall gewesen sein, dass sie sich, als sie 1973 nach Berlin kam, eben nicht im großstädtischen Gründerzeitquartier Prenzlauer Berg, sondern in der älteren Spandauer Vorstadt, also im Scheunenviertel niederließ, um hier zu leben und zu arbeiten. In dieser durchaus kleinstädtisch, ja sogar dörflich anmutenden Umgebung in der Mitte Berlins entdeckte sie etwas, was sie schnell heimisch werden ließ, etwas ihr Vertrautes. Niedrigere Häuser, die Lücken dazwischen mit den oft weit geöffneten Durchblicken, die Verschachtelung der Gebäude, Schuppen, Garagen, Zäune.
Diese seltsame Kleinteiligkeit als Herausforderung, den Stift in die Hand zu nehmen.

Und tatsächlich zeigen frühe Berliner Arbeiten wie z.B. Auguststraße/Ecke Kleine Auguststraße oder Auguststraße (beide von 1984) eine Verwandtschaft zu ihren ersten (noch laienhaften), bereits in Thüringen entstandenen Skizzen (die sie mir auf mein Drängen hin dann doch noch gezeigt hat).
Es ist dieser Blick, mit dem sie die Ensembles auswählt, wie sie in die Straßen hineinsieht, seien sie nun dörflich oder städtisch, dieses früh ausgebildete Interesse an verschachtelten Gruppen von Häusern, diese Vorliebe für das Kreuz und vor allem das Dreieck, die als Konstruktions- und als freie Kompositionselemente bis heute bedeutsam sind, man könnte meinen, dass sie ihren Ursprung in den ersten Zeichenversuchen von Thüringer Fachwerkbauten haben. (Ich komme darauf zurück.)

Freilich, jetzt liegt das Studium bei Wolfgang Leber im "Werkstudio Grafik” und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee hinter ihr. Sie hat Zeichnen gelernt. Sie hat sich auf das Thema Stadt spezialisiert und dazu eine Diplomarbeit angefertigt. Das war 1983. Ihr Thema, die Stadt, hat sie bis heute nicht verlassen. Sie ist immer auf der Suche (wie ein Blatt von 1992 heißt) und dabei hautnah an der Wirklichkeit. Sie kennt das, was sie zeichnet. Alles entspringt einer genauen, detaillierten Beobachtung, sei es nun während der Zeit, in der sie im Scheunenviertel Post ausgetragen hat, oder auf ihren Erkundungsgängen mit dem Fotoapparat, den sie dokumentarisch einsetzt.

Auch die früheren der hier ausgestellten Arbeiten sind schon nach dem Studium entstanden und stammen aus einer Zeit, in der sie sich als freie Malerin auf sich selbst zu berufen beginnt. Fremdes wird vom Eigenen gesondert, um geistige Unabhängigkeit zu erreichen, die notwendig ist, um das Verhältnis zur Welt immer wieder neu zu bestimmen. Zu den Erfahrungen der vorausgegangenen Jahre tritt das Gegenwärtige. Dem Scheunenviertel drohen Verfall und Abriss. Im Streben nach möglichster Übereinkunft zwischen geistigem Anspruch an das Thema und der unmittelbar darauf bezogenen handwerklichen Bewältigung prägt sich die eigene Form.

Und schließlich gelingt dieses wunderbare und doch so beunruhigende Blatt mit dem merkwürdigen Titel Gespräch (1988/89), das in seiner außerordentlichen Dichte zugleich statisch schwer und voller berstender Bewegung ist. Stürzende Linien. Im Zentrum ist alles Unwesentliche, Kleinteilige mit kräftigen Pinselstrichen zusammengezogen. So entsteht dieser erhellte Schlund zwischen den Häusern, der wie mit einer Wolke oder mit Licht gefüllt erscheint. Eine schwarze Lanzettform in der Mitte, die an einen Fisch oder ein Geschoss erinnert, will das Blatt sprengen, ohne dass dabei die Komposition aus der Balance gerät.

Jetzt bewegt sie sich frei und bei aller Ernsthaftigkeit auch spielerisch. Sie gewinnt Freude am Experiment, vertraut auf Spontaneität. Kopf und Hand haben sich gelockert. Die Blätter werden reichhaltiger. Erzählerisches fügt sich hinzu. Figuren tauchen auf, die sich, wie im Schutz der Häuser (1992), aufeinander und auf die Umgebung beziehen. Beobachtete und immer wieder gezeichnete Formen verdichten sich zu Zeichen und fungieren als frei verfügbare Kompositionselemente. Dreieck und Kreuz sind schon erwähnt, aber auch das Ei, Gefäß und Mauern, Gerüste, Räder, Karren, Röhren, heller Fleck in Dunkelheit. Wir dürfen sie nicht mit Symbolen verwechseln, die gedeutet werden müssten, Sabine Peuckert hat ihre Zeichen aus der sichtbaren Welt ihrer unmittelbaren Umgebung herausgezogen.

Sie sagt: "Es ist beileibe nichts Neues, was ich zeichne könnte."

Doch was ist es dann, was ihre Arbeiten so unverwechselbar macht? Fragen wir also nach dem Wie, nach diesen miteinander verschlungenen Prozessen des Sehens und Zeichnens. Denn die Künstlerin sieht keineswegs zuerst, um dann darzustellen. Sehen und Zeichnen wachsen gleichmäßig, miteinander. Die eigene künstlerische Konzeption wird im Prozess erst reif.

Sie sagt: "Ich suche eine Form für mein 'Erlebtes' und nun beginnt das eigentlich Spannende... Der Prozess des Zeichnens ist ein ständiges Infragestellen... Ich setze einen Strich, einen zweiten, einen dritten und so fort, bewusst oder intuitiv – beides korrespondiert miteinander... Nun habe ich mir einen begrenzten Raum gesetzt, das Viereck des Blattes, und in dieser Begrenzung ist ein Gleichgewicht zu finden zwischen Hell und Dunkel, dickem und dünnem Strich, zwischen Auf- und Abwärtsbewegung, zwischen Senkrecht und Waagerecht, zwischen Groß und Klein, zwischen massiven und zarten Linien: denn wenn diese Balance nicht stimmig ist, ist die Kraft der Zeichnung, die Energie sozusagen verdünnt."

Hier spricht sie von Kraft und Energie der Zeichnung. Aber es ist auch der Gegenstand, der als Kraft und Energie in den Blick kommt. Formkraftheißt es an anderer Stelle und meint eine Intensität, die das Erleben erfasst und mitreißt, die den Körper, die Hand in die richtige Schwingung bringt, eine Intensität, die die Sinnestätigkeit reizt und fordert, den Stoff, das Material, die Linie zu finden.

Also nicht einfach das Gegebene reproduzieren, was überflüssig wäre und uns gleichgültig ließe, sondern den Geist des Ortes herausfühlen.

Und das beginnt schon mit der Wahl der Untergründe. Nur kein neues weißes Blatt. Es kann bemalt, beschrieben, brüchig oder grau, liniert, manchmal sogar zerrissen sein.

Das Scheunenviertel, ein Ort im Übergang, Variation in Grau, Abriss, Zerfall, leergezogen und wieder besetzt, Baustelle, vorläufig, unfertig.

Die Welt ihrer Bilder, eine Vielheit in Fragmenten. Wie Bühnen, auf der uns das jeweilige Stück gespielt wird. Einmal ballen sich Häuser zu festen Gruppen zusammen wie Burgen. Schwere dunkel abgestimmte Grautöne werden aufgefahren. Dann wird es wieder hell. Zwischenräume sind geöffnet, in denen sich Figuren und Zeichen leicht und unbekümmert bewegen lassen.

Nie kann ein einziges Blatt das Ganze erfassen. Die Situation hat sich bereits wieder verändert und die gefundene Antwort fordert die nächste Frage. Mit jedem entstandenen Bild ist schon ein anderes gewonnen. Das führt zum Zyklus, in dem die Blätter, sich ergänzend und erläuternd, beieinanderstehen.

Etwas Tagebuchartiges haftet der Arbeit von Sabine Peuckert an. Das eigentlich Spannende, der Prozess des Zeichnens, der ein ständiges Infragestellen ist, bleibt sichtbar. Er vermittelt sich nicht nur über die Zyklen, sondern auch durch das einzelne Blatt. Es gibt Aufbrüche und Stockungen, Die wieder zum Zeichnen zurückführen, bis sich Hand und Kopf wieder befreien, lösen, sich im kleinteiligen verlieren, das mit resoluten Strichen (Schwarz) wieder ausgelöscht wird.

Was diese Ausstellung hier nicht zeigen kann. Das ist die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Figur seit Mitte der Neunziger Jahren, Blätter von starker Farbigkeit. Auch die Arbeiten zur Landschaft fehlen, die im Besonderen dem Thema Berg gewidmet sind. Und seit neuestem gibt es auch ein Winterreise. Weil es sich wohl am besten in das große Thema Stadt einfügt, hat sie für Arnstadt unter diesen thematischen Arbeiten den Turm ausgewählt.

Ich erinnere an die Liebe zum Dreieck, die sich in Sabine Peuckerts Arbeiten weit zurückverfolgen lässt, nicht nur als Turmbekrönung, Dach oder Giebel, auch als freies Kompositionselement und immer wieder als Pyramide. Bisher Teil eines anderen, Ergänzung, Beifügung, notwendig oder verspielt, zeichenhaft mitunter erzählerisch, das Dreieck, jetzt ist es herausgelöst aus vertrauten Nachbarschaften und erhebt sich eigenständig als Turm. Wir sehen das entschlossene Auf und Ab der Hand, als gelte es, überflüssige Bewegungen zu vermeiden. Wir sehen wie sie diese Bewegung wiederholt. Wir sehen die Formkraft der Linie.

Juliane Adler lebt als Fotografin und Autorin in Wien.
 

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