SABINE PEUCKERT

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Ingeborg Ruthe

IN DER MITTE UND AM RAND
Sabine Peuckert erinnert mit Malerei und Fotografie an einen Kiez,
der sich völlig verändert hat
aus: Berliner Zeitung, Juli 2011

Alles, was Sabine Peuckert auf die Leinwände, auf Karton und Papier malt und zeichnet, gibt es eigentlich zuvor oder auch zugleich als Schwarz-Weiß-Fotografie. Mit stoischer Besessenheit – wie paradox das auch klingen mag – zog die an der Weißenseer Kunsthochschule Ausgebildete in den Achtzigerjahren mit ihrer Kamera durch Berlins Mitte, durch das graue, marode Scheunenviertel und die triste Spandauer Vorstadt. Die Spuren von Alter, Verschleiß und die Wunden und Narben des Zweiten Weltkrieges hatten die Häuserzüge zu Skeletten, Mumien, provisorisch geflickten Behausungen und deren Bewohner zu Lebenskünstlern gemacht. Bonjour Tristesse, das war der Charme der Gegend, die wir heute nicht mehr wiedererkennen, sie ist längst Szeneviertel, Touristenattraktion. Gentrifiziert und mit Luxusappartements und Schickimicki-Läden ausgestattet. Zum Glück haben sich die Galerien noch tapfer gehalten.

"Ost-Berlin – vergessene Mitte" ist eine Fotoschau der Erinnerung, des Innehaltens vor dem Vergessen. Der August 2011, 50 Jahre nach dem Mauerbau, ist der Künstlerin Anlass, ihre Fotos als stadtgeschichtliches Projekt im U-Bahnhof Weinmeisterstraße zu zeigen. Nicht mehr wiederzuerkennen ist die Linienstraße um 1980, mit ihren löchrigen Brandmauern und den mit schiefen Holzschuppen und selbst gebauten Garagen gefüllten Brachen hinüber zur Auguststraße. Holzbalken zeigen sich noch im ruinösen Mauerwerk der Joachimstraße, und in der Mulackstraße sind in den Fassaden noch die Einschusslöcher der Flakgeschütze vom April/Mai 1945 sichtbar.

Spuren und Zeichen deutscher, Berliner Geschichte, die sich in Peuckerts spröden, stimmungsvollen Malereien wiederfinden, die in der Kunststiftung Poll zu sehen sind. Tonig die Farben, melancholisch die Stimmung. Die aus Thüringen stammende Berlinerin ist eine echte Vertreterin der "Berliner Schule", einer unaufgeregten, effektlosen, unschrillen, unideologischen, dafür sehr subtilen und genauen Malerei mit dem Blick auf Gegenwart und Geschichte. Ihre Bilder sind voller Verweise und Andeutungen, die Perspektiven oft stürzend und saugend, sodass es einen Widerspruch gibt zwischen Dynamik und Ruhe – letzterem Zustand, der so rar geworden ist in der sich fast anarchisch verändernden Stadt, die seit 1989 längst nicht mehr den Berlinern gehört. Und das ist auch gut so.
 

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