SABINE PEUCKERT

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Gerd Adloff

ZEITREISE MIT DER U-BAHN
Zu zwei Ausstellungen von Sabine Peuckert in Berlin
Junge Welt, Juli 2011

Es war einmal eine Zeit, da wurde auf den Werbetafeln des U-Bahnsteigs der Linie 2 im Bahnhof Berlin-Alexanderplatz Kunst gezeigt. Was heute wie ein Märchen klingt, begann zu DDR-Zeiten und wurde später noch lange fortgesetzt. Bis die Gesetze, die der Marktwirtschaft, es anders bestimmten. Daran musste ich denken, als ich neulich auf diesem Bahnsteig wartete. Der lukrative Ort wird nun mit Werbung bespielt.

Überraschend, wenn einem dann doch Kunst in einem Berliner U-Bahnhof begegnet. Im U-Bahnhof Weinmeisterstraße (Linie U8) werden unter dem Titel »OST-BERLIN – vergessene Mitte« Fotos der Malerin Sabine Peuckert gezeigt. Sie hat viel Ausdauer und Überzeugungskraft aufgebracht, um BVG und Wall AG dafür zu gewinnen.

Sabine Peuckert wurde 1951 in Thüringen geboren und studierte ab 1977 an der Kunsthochschule Weißensee. Seither lebt sie in Berlin, von 1983 bis 2003 wohnte und arbeitete sie in Mitte. Lange hatte sie ihr Atelier in der Rosenthaler Straße, ganz in der Nähe des U-Bahnhofs Weinmeisterstraße. Die Fotos, die nun auf den 18 großen Werbetafeln präsentiert werden, machte sie 1983. Sie zeigen in Schwarzweiß wie die Umgebung aussah. Der Bahnhof selbst war damals verschlossen. Er gehörte zu den Bahnhöfen, die die Westberliner als Geisterbahnhöfe erlebten, wenn sie zwischen Wedding und Kreuzberg verkehrten. Die Ostberliner nahmen höchstens ein Rauschen durch die Lüftungsgitter wahr.

Sabine Peuckerts Fotos zeigen die Stadtlandschaft dieser Gegend. Eine karge und herbe, aber noch lebendige Landschaft, Geschichte atmend, den Häusern in die Fassaden geschrieben. Lücken und Schneisen, die der Krieg geschlagen hatte, oft improvisiert genutzt, mit Garagen, Baracken, Werkstätten. Kriegsschäden an Häusern, mitunter nur notdürftig repariert, auch noch vereinzelte Ruinen. Und doch hatte dieses Viertel seinen eigenen Charme und Reiz. Es war ruhig hier, in den Nebenstraßen oft eigenartig still, gar idyllisch. Auch davon erzählen diese Fotos. Vergessene Mitte, das trifft es sehr gut. Dieser Teil der Stadt war damals eher ein Kandidat für Abriss als für Sanierung, aber für beides fehlte in den letzten zehn Jahren der DDR das Geld.

Das Viertel, im alten Zentrum der Stadt gelegen, war durch die Teilung Berlins an den Rand gerückt. Dank der »Wende« erging es ihm ähnlich wie bestimmten Vierteln in Kreuzberg; von der ruhigen Randexistenz rückte man plötzlich ins Zentrum, und dadurch in den Fokus der Stadtverwerter. Die Gegend versprach hohe Rendite. Ihr Charakter veränderte sich gründlich. Um 1990 waren Hausbesetzer und andere alternative Wohn- und Kulturgruppen hierher gekommen, zwanzig Jahre später sind davon nur noch die Linienstraße 206, KULE, Zosch und der Schokoladen in der Ackerstraße, allerdings massiv bedroht, übrig geblieben.

Der Besuch dieser Ausstellung ist eine Zeitreise. Kommt man mit der U-Bahn an, so geben die großformatigen Fotos einen guten Eindruck, wie es hier zu Beginn der achtziger Jahre ausgesehen hat. Verlässt man den Bahnhof nach oben, sieht man die gewaltigen Veränderungen. Brachen wurden oft brachial zugebaut. Manche neue Häuser wirken wie Fremdkörper, die nun die Hoheit beanspruchen. Daneben aber auch sorgfältig rekonstruierte Gebäude. Aus einer maroden Wohngegend, aus der sehr viele Menschen in weit entfernte Neubaugebiete zogen, wurde ein Trendviertel, das für viele zu teuer geworden ist.

Wer die Fotos von Sabine Peuckert mit Interesse gesehen hat, der sollte unbedingt auch die Räume der Kunststiftung Poll in der Nähe besuchen. Auf dem Hof, in einem alten DDR-Heizhaus, sind insgesamt 35 Stadtfotos von Peuckert, hier allerdings kleinformatig, zu sehen. In den Galerieräumen präsentiert sich Peuckert als Malerin und Zeichnerin. Wunderbare Tuschezeichnungen, einige Jahre später entstanden, zeigen die Landschaft dieses Viertels. Mitunter entdeckt man Motive, die man auf den Fotos gesehen hat, sieht sie aber in ihrer zeichnerischen oder malerischen Umsetzung und poetischen Darstellungsweise anders und neu.

Zwei Zeichnungen haben es mir ganz besonders angetan: »In der Obhut der Häuser«, hier kauert eine Figur vor großen schwarzen Häusern. Das zweite Bild zeigt etwas auf den ersten Blick Absurdes: einen Pfau in dieser Stadtlandschaft. Er erinnert mich an Wolfgang Hilbigs Gedicht »episode«, in dem plötzlich ein Fasan auf dem Briketthaufen im Kesselhaus erscheint. Mitunter erscheint das Wirkliche als irreal, zeigt das Irreale die Wirklichkeit genauer.

Gerd Adloff lebt als freier Autor in Berlin
 

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