SABINE PEUCKERT

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Brigitte Handschick

Eröffnungsrede zur Ausstellung von Sabine Peuckert in der Galerie Mitte, Berlin 1992

Vor 20 Jahren lernte ich Sabine Peuckert kennen. Ihr Studium der Malerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee hatte sie gerade beendet und in einem Abrisshaus in der Gegend um den Rosenthaler Platz eine kleine Wohnung als Arbeitsraum gefunden. Durch die Fenster konnte man das chaotische Baugeschehen ringsherum beobachten. Naheliegend war ihr Thema: eben diese Art Stadtlandschaften. Mit Deckfarben auf Papier gemalt, waren ihre Bilder aber weit davon entfernt eine Chronik einstürzender Altbauten zu sein. Sie denunzierte nicht. Eher spürte man in den Bildern den Staub, den Geruch und alle andern Spuren, die in einer Stadt von Generationen von Menschen zurückgelassen werden. Da ich selber ganz in der Nähe meine Kindheit verbracht hatte und zur Schule gegangen war, konnte ich, das glaube ich, ganz gut beurteilen. Ich fand das, was sie machte, wirklich wahrhaftig.

Immer noch ist ihr Atelier (jetzt zwar ein besseres, größeres) in diesem alten Berliner Stadtquartier. In der Vergangenheit nannte man diese Gegend "Die Spandauer Vorstadt”. Auch jetzt nach vielen Jahren entdeckt sie täglich Neues. Sie, die Einzelgängerin, ist fasziniert vom Abenteuer Großstadt. Manchmal erscheint ihr die Stadt wie ein bedrohlicher Koloss, den sie dann aber gleichzeitig wohl auch als plastisches Gebilde begreift und frei mit den sich anbietenden Formen auf dem Papier umgeht und spielt.

Auch kommt es zum Beispiel vor, dass sie so durch die Straßen läuft und ein Haufen Sperrmüll, der am Straßenrand liegt, erregt plötzlich ihre Aufmerksamkeit. Sie betrachtet ihn ganz genau, eilt in ihr Atelier und malt vom Geschen ein Bild. Auf dem gemalten Bild hat sie dann aber gesehene Gegenstände in geheimnisvolle Kleinodien verwandelt. Das geht darum so gut, weil sie die Welt der realistischen Darstellung der Dinge in den letzten Jahren weitgehend verlassen hat. Ihr Ausgangspunkt ist bis jetzt jedoch immer noch das unmittelbar Erlebte und Gesehene. Sie bedient sich auch gerne der im Stadtbild auftauchenden Piktogramme, Ver- und Gebotszeichen. Ganz ihrer Funktion enthoben, benützt sie die Zeichen als freie Formen in ihren Kompositionen. Neuerdings taucht auf ihren Bildern allerhand Getier auf, das fliegen kann, Vogel-Hühner vielleicht. Bedeutet es, dass jetzt wieder richtiges Leben ins Quartier kommt?

Sabine Peuckert, eine Bauerntochter aus Thüringen, ist gekommen und hat es geschafft mit einer in ihr steckenden Kraft und Begabung mir meine Heimatstadt mit ihren Augen ganz neu zu entdecken. Das ist das Wunderbare an dieser Stadt. Alle kommen her und bringen etwas mit. Kaum geht einer wieder weg. Die Stadt kann jeden verkraften und gebrauchen. Sie ist offen. Nach einiger Zeit werden die meisten richtige Berliner und das möchte ich von Sabine Peuckert auch behaupten.


Brigitte Handschick (1939-1994), lebte als Malerin in Berlin
 

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